Ich musste ja jedem anderen glauben ...

Das Thema Selbstfindung und auch die Abgrenzung der eigenen Persönlichkeit zu anderen Menschen nimmt im Selbstverständnis des Menschseins einen unheimlich großen Platz ein. Niemand kann sich von der Idee freimachen, sich als Individuum zu fühlen, das nur dann individuell ist, wenn es kein Teil eines anderen Individuums ist. 

Individuum bedeutet "unteilbar". 



Was aber macht das mit Menschen, welchen Weg gehen sie, um zu sich selbst zu finden? Und ist das überhaupt hilfreich im Leben? 

Die Anpasser 

Menschen sind - entgegen ihrer Individualität - grundsätzlich "Gruppentiere" und suchen die Gemeinsamkeit unter einander, denn wer allein ist, ist leichter Gefahren ausgesetzt. So weit, so klar. Was vielen allerdings gar nicht klar ist, ist die Tatsache, dass dieses Bedürfnis richtig stressig werden kann. 
Vielleicht kennst du das auch. 
"Ich MUSS ja aufstehen und arbeiten gehen." 
"Du MUSST heute noch deine Hausaufgaben machen."
"Ich MUSS zum Elternabend gehen."
"Du MUSST pünktlich zum Termin erscheinen."

Es gibt so viele "MUSS", dass man eigentlich im Hamsterrad läuft und es gar nicht mehr mitbekommt. Man tut einfach die Dinge, die irgendwie gerade anstehen, weil irgendwer gesagt hat, dass es so ist. Und genauso wie mit den Sätzen "Räum dein Zimmer auf" als wir klein waren, verhält es sich später als (junger) Erwachsener - wir müssen dem vorbestimmten Pfad folgen. Eine gute Schulausbildung machen (vor allem gute Prüfungen schreiben) und natürlich gut bezahlte, wichtige Jobs annehmen. Jobs, die übrigens Menschen erst geschaffen haben, die nicht diesen vorbestimmten Weg gehen wollten. 

Ich spreche nicht von den "MUSS", die unweigerlich zur Existenz nötig sind - schlafen, essen, das WC benutzen, mit Mitmenschen kommunizieren, duschen... Sondern die Regeln, die wir schon als Kinder eingetrichtert bekommen haben. Das Leben hat nach diesem und jenem Schema zu laufen. Schule, Abi, Studium, Berufserfahrung, feste (zukunftsfähige) Partnerschaft, Hochzeit, Kinder, Weiterbildung, Ehrenamt, Vorbereitung auf die Rente ... Uff. Und bitte sieh zu, dass du in jedem Abschnitt immer die beste Entscheidung triffst. Die besten Abschlüsse machst, den best bezahlten Beruf aussuchst, das beste Ansehen erreichst, den besten Partner findest, die beste Anzahl an Kindern auf die Welt bringst, bla bla bla. 

Nichts darf dem Zufall überlassen sein. Und nichts darf aus der Reihe tanzen. 

Aber sind wir ehrlich, wer lebt denn wirklich so? Wer meint von sich, diesem Ablauf tatsächlich zu folgen? 
Die meisten würden garantiert sagen: Nein, nein, bei mir waren da Umweg A und Umweg B und dann hat dieser Plan nicht geklappt und ich brauchte jene Alternative.

Gleichzeitig kennen viele diese Gedanken: Was soll denn meine Familie / mein Nachbar denken? Was denkt mein Chef von mir? Die Schufa? Was hab ich aus meinem Leben gemacht? Bin ich wirklich zufrieden? Die Ulrike vom Sportkurs hat was tolles erreicht, die hat's einfach durchgezogen! 

Ich weiß nicht, ob du mir noch folgen kannst. Natürlich kann ich hier nicht für die Gesamtheit aller Menschen sprechen. Doch ich begegne unheimlich vielen Leuten, die irgendwie unzufrieden sind, weil sie sich durch andere inspiriert fühlen, noch mehr erreichen möchten, noch nicht genug getan haben oder einfach ganz das falsche getan haben. Weil sie irgendwie nicht so richtig verstanden haben, wer sie eigentlich sind, wofür sie stehen und wie ihr Leben wirklich sein soll - ohne Ablenkung von außen, ohne Inspiration, ohne MUSS. 

Ehrlich gesagt hat meine Selbstfindung nie aufgehört. Sie war vor allem davon geprägt, was andere über mich sagten. "Mach mehr aus dir", "mach was anderes aus dir", "du bist gescheitert", "du musst an Ort XY ziehen, dort hast du bessere Möglichkeiten", "streng dich mehr an und sei so wie Person ABC, nimm dir mal ein Beispiel". Und noch sehr viel mehr davon, auch viel unfreundlichere Kommentare. 
Immer wollten andere bestimmen, wie ich zu sein habe, wovon ich zu viel oder zu wenig bin. Was ich gut kann oder nicht gut kann - und dabei hat man sich natürlich nicht einig werden können, sondern drei Menschen mit drei konträren Meinungen wollten mir erklären, wie ich es besser zu machen hätte. 

Und niemand, wirklich niemand, kam auf die Idee, mich zu fragen. Keiner hat einmal geschwiegen, mich angesehen und gesagt: Worin bist du denn gut? Was hast du gern? Wenn niemand etwas von dir erwartet, was möchtest du in deinem Leben machen? 
Nein, diese Option bestand nicht. 

Und deshalb konnte ich auch sehr lange kein Gefühl dafür entwickeln, wer ich bin und was ich vom Leben will. Oh ja, ich war ein Teenager und ich hatte Pläne! Ich wollte reisen, auswandern, nützlich sein, mir ein Traumhäuschen am Waldrand mit ganz viel Ruhe und Natur kaufen. Ich wollte Tiere haben, ein Pferd am besten und einen Hund und ach, überhaupt... 

Was davon hab ich gemacht? Nichts. Genau. 

Die Rebellen

Rebellisch waren wir alle. Wir waren jung, wir mussten alles anders machen als die Eltern, weil das sowieso überholt und falsch war. 
Allerdings hat diese Phase bei mir nie aufgehört - weil wir alle zwar wissen, dass ganz viele Dinge im Leben falsch laufen. Sei es in der Politik, im sozialen Miteinander, in der Gesundheitsversorgung, im Mindset, einfach überall. Und doch hat keiner Lösungen parat. Keiner beendet mal eben einen ausgewachsenen Krieg. Keiner kann mal eben sein Gehirn neu verdrahten. Und keiner kann mal eben sagen: Du, es gibt noch alternative Pfade für dich, du musst sie dir nur selber anlegen. 
Wer sind wir, anderen das zu versprechen? 

Andererseits ist Innovation das einzige, das uns als Gesellschaft voran bringt. 
Es braucht neue Strukturen, neue Lösungen, neues Wissen, ja geradezu Neu-Gier und die Menschen, die bereit sind, sie zu leben. Auch wenn dies bedeutet, unkonventionell und unangepasst zu sein. Keine Kinder zu kriegen. Nicht zu heiraten. Den gut bezahlten Job gegen das Lotterleben als Künstler zu tauschen. Sich dem eigenen Garten zu widmen oder Straßenhunde in Rumänien zu pflegen. 

Es braucht auch Menschen, die bereit sind, ihren Kindern den Freiraum zu geben. Luft zum Atmen zu lassen. 

Womit wir wieder bei der Metapher mit dem Wind wären. 
Ich stelle mir oft vor, dass ich in einer Kugel sitze, in der alles um mich herum wie kühler Nebel wabert, es keinen festen Boden gibt und niemand in der Kugel ist außer mir. Ich suche die Grenze meines Körpers, spüre in mich hinein. 
Wer bin ich? Was will ich gerade? Was brauche ich wirklich? Auf welchem Weg bin ich gerade unterwegs und ist dieser wirklich gut für mich? 

Es ist eine Form von Meditation, die in keiner üblichen buddhistischen Praxis gelebt wird. Sie dient auch nicht dem Download von Informationen aus dem Höheren Selbst. 
Viel mehr dient sie der Erdung, so konträr das auch klingen mag. 

Und ich stelle mir wieder die Frage: Wie will ich jetzt leben? Welche Regeln sollen und können für mich gelten? 
Was will ich anderen über mich erzählen? Welche Details bleiben lieber ungesagt? 

Mir fällt es schwer, einzuordnen, wie viel andere von mir hören (oder lesen) wollen. Darum schreibe ich es frei heraus. 

Bitte nimm dir als Gedanken-Anstoß das mit, was für dich resoniert und lass liegen, was nicht zu dir passt. 

Wenn dir dieser kleine Rebell in deinem Kopf ein bisschen helfen konnte, freue ich mich über einen Kaffee und/oder eine E-Mail von dir!

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vom Winde verweht: Wenn der Bodenkontakt verloren geht

Übung für deine Meditation

Aus Trauma Response lernen heißt Siegen lernen