Grenzfälle: Der Hirntumor

Dieser Bericht stammt aus 1997 aus Großbritannien, jedenfalls war dies der Zeitpunkt, zu dem der behandelnde Arzt den Fall dokumentierte - stattgefunden haben die Ereignisse allerdings 12 Jahre davor.

Die britische Hausfrau, wir nennen sie zukünftig AB, stellte sich bei einem Psychiater vor, nachdem sie wiederkehrende Stimmen "hörte", die nur in ihren Gedanken stattfanden. Sie war bis zu diesem Zeitpunkt gesund und auch psychisch unauffällig, äußere Auslöser gab es keine.

Es ist hinlänglich bekannt, dass bei bestimmten Erkrankungen wie der Schizophrenie akustische Halluzinationen auftreten können und die Stimmen auch eine Art Befehlston an den Tag legen. In diesem Fall war das recht ähnlich. Die Stimmen stellten sich als ehemalige Mitarbeiter eines örtlich bekannten Kinderkrankenhauses vor und erklärten, sie wollen der Frau AB lediglich helfen, sie solle sich nicht fürchten. 

Dieses Krankenhaus existierte tatsächlich. Außerdem lieferten die Stimmen drei weitere Informationen, die AB auf Korrektheit prüfen sollte, um zu beweisen, dass die Stimmen keine Einbildung seien (denn über diese Informationen hätte AB ansonsten schon vorher Kenntnis haben müssen). Die Informationen stellten sich allesamt als korrekt heraus, die Stimmen sagten also die Wahrheit.

AB ging daraufhin zu einem Neurologen, der sie jedoch an einen Psychiater verwies. Dieser hörte sehr aufmerksam und wohlwollend zu, stellte AB mit Tabletten ein und entließ sie davon abgesehen in ihr gewohntes Leben.

Nach einigen Wochen der konstanten Einnahme der Tabletten waren die Stimmen verschwunden. Beruhigt über die Verbesserung unternahm AB mit der Familie eine Reise, während der die Stimmen plötzlich zurück kamen und ihr sagten, sie solle so schnell wie möglich zurück nach Großbritannien. Sie nannten ihr auch eine Adresse in London, zu der sie sich begeben sollte. Da die vorherigen Informationen der Stimmen ja stimmten, wurde AB so unruhig, dass sie der Aufforderung folgte. Ihr Mann brachte sie zu der Adresse, in der Hoffnung, dass sich die Sache damit erledigt habe.

Es handelte sich um die radiologische Abteilung eines größeren Krankenhauses. AB betrat diese und bekam während dessen von ihren Stimmen die Information, dass sie einen Hirnscan machen lassen solle, denn sie habe ein Meningiom und darüber hinaus gebe es eine Entzündung am Hirnstamm. Diese medizinischen Themen waren AB grundsätzlich fremd und sie wusste auch nicht, was ein Meningiom ist.(Link öffnet in neuem Tab)

Sie wurde in der Radiologie abgewiesen und erzählte davon ihrem Psychiater. Dieser versuchte, einfach um AB zu beruhigen, einen Hirnscan zu organisieren, doch die Klinik wies auch diesen Versuch ab, da keine medizinische Indikation vorgelegen habe.

Schlussendlich kam es doch noch zur Untersuchung und man fand wirklich ein Meningiom, das noch keine weiteren Symptome verursachte, aber bald welche auslösen würde.

AB entschied sich - unter ständiger Beratung mit "ihren" Stimmen - zu einer zeitnahen Operation, die sehr gut verlief. Als AB aus der Narkose aufwachte, hörte sie die Stimmen ein letztes Mal: "Wir freuen uns, dass wir Ihnen helfen konnten. Auf Wiedersehen."

Dieser Fall ist wahr und dokumentiert. Nachlesen kann man ihn in der Originalfassung des Psychiaters hier: Researchgate.net (Link öffnet in neuem Tab)

Und nun die Preisfrage:

Wie genau ist dieser "Kontakt" mit den Stimmen zustande gekommen und warum meldeten sich die Ärztin und Freund aus der Kinderklinik ausgerechnet bei einer ansonsten unauffälligen, unbekannten Hausfrau?
Warum kamen die Stimmen immer noch auf, obwohl das Medikament diese neurochemisch unterdrücken sollte?

Der Psychiater glaubte der Patientin AB, auch wenn er keine direkte Erklärung liefern konnte. Man vermutete zumindest, dass AB über die Jahre doch mehr von Krankenhäusern und Medizin aufgeschnappt haben musste, als sie sich bewusst war und dass der Tumor so groß war, dass er auf jeden Fall irgendwelche Symptome ausgelöst haben musste - und wenn es nur ein ungutes Gefühl und dadurch die Sorge gewesen sein könnte, dass AB sich bereits denken konnte, dass sie einen Tumor hatte.

Man muss aber dazu sagen, dass dieser nicht beim ersten Hirnscan sofort sichtbar war, sondern nur kleinere Auffälligkeiten. Auch der Psychiater hatte ja keine richtigen Symptome feststellen können, sondern lediglich anhand des Stimmenhörens und der wohl teilweise verzerrten Wahrnehmung von AB eine funktionelle halluzinatorische Psychose attestieren können. Sie selbst hatte furchtbare Angst vor dem Zustand und beschrieb sich selbst als "verrückt", da sie die Eindrücke nicht gut einordnen konnte.

AB wurde mehrfach untersucht, um schlussendlich die richtige Diagnose stellen zu können. Ihr Ehemann selbst konnte keine Auffälligkeiten an ihr feststellen. Sie klagte zwar über ein Gefühl von Wahrnehmungsstörungen bzw. Verzerrungen, die auch mit Einnahme der Tabletten verschwanden (worüber AB äußerst glücklich war). Doch trotz Äußerung der möglichen Diagnose hat die Radiologie über Monate keine ausreichende Indikation für eine so teure Untersuchung gesehen.

Reichte das also aus, um sich etwas einzubilden, sich eine Diagnose auszudenken (ganz ohne Dr. Google, denn den gab es damals noch nicht) und dabei auch noch so treffsicher zu sein?

Die Stimmen in ABs Kopf waren so hartnäckig geblieben, dass sie noch einmal auftauchten, nachdem der Tumor bereits entfernt war. Gut, das Gewebe war sicherlich geschwollen und gereizt, wie es eben bei einer Verletzung der Fall ist. Wenn das der Grund war, dann hätten die Stimmen auch noch ein paar weitere Tage auftauchen müssen, bis das Gehirn wieder ausreichend hergestellt wäre. Doch der Spuk hörte so plötzlich auf, wie er gekommen war ...

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